Eine der Tücken der Kindheit ist, dass man Dinge die man nicht versteht dennoch fühlt. Wenn der Verstand schließlich begreifen kann was passiert ist, sind die Wunden des Herzens bereits zu tief.
Man sollte doch annehmen können, dass eine junge erwachsene Frau ihr Leben im Griff hat. Weit gefehlt. Alles was ich im Griff habe ist vielleicht die Hundeleine, wenn ich mit Akira spazieren gehe, oder, an Abenden wie heute die Tastatur. Es wäre viel zu schön und viel zu einfach wenn mal alles nach Plan laufen würde. Irgendjemand sagte mir mal ich bräuchte den Stress, vielleicht stimmt das auch, aber eigentlich sollte ich in eine Therapie, denn ich stehe vor einer ziemlich hohen Mauer, von den Steinen die ich mir selbst in den Weg lege.
Der einfache Weg war wohl nie mein Ding, aber der komplizierte schafft mich zunehmends. Ich fühl mich kraftlos und ausgelaugt und dabei bin ich noch so blutjung. Ich weiß, dass die Welt sich nicht um mich dreht, geschweige denn, dass es jemanden auf diesen Planten juckt was ich so treibe, denke, fühle. Aber es wäre alles so viel leichter zu ertragen mit einer helfenden Hand. Klugscheißen, nörgeln und meckern können sie alle. Mir für alles die Schuld geben, mir unterstellen ich würde mich nicht genug anstrengen, das ist auch einfach. Ich muss eine ziemlich grauenhafte Person sein.
Aber dass nichts in meinem Leben so läuft wie ich gehofft oder mir vorgestellt hatte, das ist nur das I-Tüpfelchen.
Das ganze fing schon lange bevor ich überhaupt eine Ahnung von der Steinmauer hatte an. Man nimmt als Mutter wohl an, dass es Kleinigkeiten im Leben sind, winzige Marotten des Kindes, die in weiter Zukunft nichts weiter bleiben als amüsante Erinnerungen. Aber sie waren viel mehr als das. Ob es das ständige Geweine war, das nächtliche Nutella-Toast (Nachts um drei ist nicht die Zeit zu der ein Kleinkind das essen sollte) oder allgemein die Mäkligkeit beim Essen (durch fieses Überlisten würde ich erst von Alete Kindergläschen getrennt) und dann wurde noch die Lieblingstante Mama genannt. Ein Schnuller war nie genug, es mussten gleich drei sein, erst mit vier oder vier-einhalb habe ich allein geschlafen, ich habe ständig ins Auto gebrochen und mit Fremden habe ich nie geredet.
Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass ich zwar alles bekam wonach ich verlangte, außer die 100 prozentige Aufmerksamkeit meiner Mutter. "Hier Mama, ich hab' ein Bild gemalt", "hier Mama, ich hab' eine Legostadt gebaut", "hier Mama, ich hab' eine Geschichte geschrieben" - nichts, nada. Wie wäre es denn mal gewesen, wenn sich Frau Mama die Bilder mal angesehen und an den Kühlschrank gepinnt hätte. Oder hätte sie sich vielleicht einfach mal eine halbe Stunde vom Fernseher wegbewegen können um mit mir in meiner Legostadt oder mit meinen Puppenhaus zu spielen, oder sie hätte meine Geschichte gelsen, wenigstens eine von den vielen. Und dann wäre es ja eventuell auch interessant gewesen zu wissen ob man das hätte fördern können.
Aber nein, sie war zu geschafft, zu kaputt, zugenervt, zu sehr mit sich beschäftigt. Wisst ihr was ich mir seit Jahren anhören darf?! "Du warst so ein braves Kind, hast Dich immer mit Dir selbst beschäftigt" , na ich hatte ja auch keine andere Wahl!
Doch es gab auch andere Tage. "Hier Mama, ich hab' meinen Mathetest zurück, eine vier" - kaum gesagt, schon wurde ich angeschrien. "Hier Mama, guck mal, ich bin hingefallen und jetzt..." nicht mal zuende reden durfte ich, denn die Hose hatte jetzt ein Loch am Knie und dafür wurde ich angeschrien. Es war Sommer, ich hatte keine Armbanduhr, war nur bei einer Freundin die im Haus gegenüber wohnte und kam zum Abendbrot nach Hause, musste aber ohne Essen ins Bett, weil ich zu spät war obwohl wir nie eine Zeit vereinbart hatten. Meine Mutter war in der Rhea, ich war 12, kam sie besuchen und alles was sie sagte war "na Du hast aber zugenommen". Und man bedenke, ich war nie dick, ich war nur halb untergewichtig und als ich 12 wurde fing irgendwie mein Körper an sich zuverändern, wie kam das bloß, von der Pubertät vielleicht!!!
Aber so kam es, alles was negativ war erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie malte schon als ich zehn war den Teufel an die Wand und meinte ich würde obdachlos werden, wenn ich nicht aufs Gymnasium ginge - und alles nur weil meine Grundschulklassenlehrerin mir eine Empfehlung für die Realschule gab, weil ich zu kindisch war. Ja, mein Güte, wer mit zehn schon erwachsen, ernst und reif ist hat mein herzlichstes Beileid.
Wo wir schon dabei sind, wenn ich denn mal einen schlechten Mathetest mit nach Hause brachte, oder die Heimatkunde- oder Religionsarbeit verhauen hatte, bekam ich zwar riesen Anschiss, aber mit mir gelernt und geübt hat keiner. "Du hast schon immer alles selbst gemacht, man brauchte Dir in der Schule nie helfen", von wegen, sie war einfach nur zu bequehm, zu geschafft von ihrer Arbeit, zu sehr an dern Fernseher gebunden. Dies führte dazu, dass ich irgendwann nicht mehr alle schlechten Noten sagte. Das Misstrauen war oft groß, aber sich einen Notenspiegel vom Klassenlehrer holen oder sich allgemein mehr für die Schule interessieren, angagieren, das war zu viel verlangt. Und als ich einmal äußerte, dass das nicht meine Aufgabe ist, weil ich das Kind bin und sie die Eltern, da gab es noch mehr Ärger.
Ich hatte mal eine Überweisung zu einer Kinderpsychologin bekommen, weil ich Schlafstörungen hatte und mir gleichsam auch die Arme aufgeritzt hatte. Dreimal dürft ihr raten wer das ganze sabortiert hat um nur wieder alles auf sich zu lenken, ... richtig, meine Mutter. Manchmal denke ich sie wollte gar nicht das mir geholfen wird, denn alles bei dieser Frau drehte sich um sie, die Schule und ihre Ängste. Selbst auf anraten der Psychologin sich selbst einen Therapeuten zusuchen, hatte sie es einfach nicht geschnallt, dass es immernoch um mich ging. Tja, wäre das nicht gewesen, vielleicht wäre ich dann ein bisschen heiler im Kopf als jetzt.
Ich konnte den Tag meines Auszugs nicht erwarten, ich wusste nicht mal wirklich wie ich das schaffen sollte, wenn ich da weg bin, aber ich wusste alles wäre besser als dort zu bleiben. Selbst als ich schon 20 war und für einige Wochen, wärend meines Umzuges von einer Stadt in die andere, bei meinen Eltern blieb kamen die alten Gewohnheiten und diese zwanghafte Kontrolle - ich sollte um Mitternacht zu Hause sein.
Aber es ist heute nicht anders und seit dem sind wieder zwei Jahre vergangen, ob es darum geht, dass meine Mutter versucht mir vorzuschreiben was ich anziehen soll oder ob sie am Telefon über mich urteilt und Dinge schlecht macht von denen sie keine Ahnung hat... sie malt heute noch gerne den Teufel an die Wand, anstatt einfach mal den Ball flach zuhalten. Denn immernoch bin ich das Kind in dieser Beziehung und es sollte nicht meine Aufgabe sein mich mit ihren Problemen, Sorgen und Ängsten auseinander zusetzen. Vorallem erschwert sie mir alles um das zehnfache, denn es ist ja nicht so, dass ich mir denke "komm ich heut nicht, komm ich morgen" oder "klappt schon, hat immer irgendwie geklappt". Ich bin nicht mehr so naiv wie ich es vielleicht vor ein paar Jahren noch war. Ich habe selbst schon fast alle Hoffnung, allem Mut aufgegeben und zerbreche fast daran, doch benehme ich nicht so idiotisch und kindisch wie sie. Ich renne nicht zu jedem hin tu ihm mein Leid kund.
Mir wurde damals ganz scharf eingetrichtert was in dieser Familie geschiet, bleibt in dieser Familie, doch meine Mutter hält sich da keineswegs dran. Ich habe meinen Mund gehalten, habe runtergeschluckt und gehofft, dass die Tage bis zu meinen 18. Geburtstag schnell vorüber gehen. Nie wieder würde ich dahin zurück wollen, weder zu meinem jüngeren Ich, noch in dieses Haus, was mehr Hölle als Heim war. Noch heute fühle ich mich komisch und in die Zeit zurück versetzt wenn ich dort bin und es wird wohl noch ein weiter Weg sein, bis ich das ablegen kann.