Es ist schwer sich zu erinnern, aber schwerer ist wohl zu vergessen.
Doch ich bin ohnehin nicht der Typ Mensch der gerne vergisst, selbst wenn die Erinnerungen noch so schmerzen.
Vergessen bedeutet für mich immer einen Teil von sich und seiner Vergangenheit aufzugeben bzw. zu verlieren - doch wer wäre ich heute wenn ich nicht das erlebt hätte was ich erleben "musste"?
Wahrscheinlich nicht dieser Mensch mit diesen Ansichten.
Wahrscheinlich nicht dieser Mensch mit dieser Toleranz.
Wahrscheinlich nicht dieser Mensch mit diesem Verständnis.
Mein Körper fühlt sich an wie ein einziges Schlachtfeld und nicht wirklich anders sieht es mit meiner Psyche aus, wenn diese nicht sogar noch schlimmer dran ist.
Ich will mich nicht mal wirklich beklagen, weil es teilweise recht gut läuft - na was heißt schon gut, aber immerhin habe ich mein Leben ganz schön aufgeräumt gekriegt und ich bin noch längst nicht fertig. Doch gibt es Dinge, die sich mal eben aussortieren oder in Schubladen stecken lassen.
Ich war schon immer begeistert von mir, wie ich es über die Jahre geschafft habe mich selbst zu therapieren - dieser Vorgang wird noch andauern und dieser Text wird ein Teil meiner Therapie sein.
Ich bin mir jetzt schon mehr als im klaren darüber wie die Leute reagieren werden und was passiert wenn die betroffenen Personen davon Wind bekommen, doch was soll's? Ich denke ich habe ein gutes Recht, nein es ist mein Recht darüber schreiben zu dürfen, denn schließlich ist es meine Vergangenheit, es sind meine Erinnerungen und meine Empfindungen. Und wer weiß wie lange ich schweigen würde und wie lange ich es nicht verarbeiten könnte wenn ich es jetzt nicht in meinen Blog stelle?
Ich lag oft, sehr oft abends in meinem Bett, habe geweint und mich gefragt wie lange es noch so weiter gehen soll. Ich konnte mich nie zwischen meinen beiden sehnlichsten Wünschen entscheiden: Endlich sterben zu dürfen und die Nacht zu überleben.
Ich glaub ich war 12 als ich das erste Mal darüber nachgedacht hatte wie die Welt ohne mich sein würde, denn ich wusste schon damals, dass aus mir nie etwas werden würde was meine Umwelt bereichern oder das Leben meiner Mitmenschen positiv verändern würde, wozu also dieses unbefriedigende Leben führen?
Doch ich will nicht irgendwo in der Mitte oder im Hier und Jetzt anfangen,... ich möchte dort anfangen, wo alle Anfänge anfangen. Ich will meine ersten Erinnerungen beschreiben, den Punkt finden von dem ich denke, dass es der Auslöser war, der Grund wieso mein Leben so verlief und so endete wie es heute ist.
Meine Mutter war mit mir alleine, weil sich mein leiblicher "Vater" aus dem Staub gemacht hat. Meine Mutter hatte ihm zwar die Wahl gelassen, aber er hatte noch eine andere Frau und mit der auch einen Sohn, der zweite sollte kurz nach mir kommen - ich denke selbst wenn er sich für uns entschieden hätte, hätte meine Mutter ihn früher oder später vor die Tür gesetzt.
Das ist für mein Leben aber nicht besonders tragisch gewesen, da ich der Überzeugung bin, dass meine Mutter es mit meinem "jetzigen" Vater nicht besser hätte treffen können und ich wohl auch nicht. Zumindest nicht damals und nicht heute...
Jedenfall war sie erstmal mit mir alleine. Ich war ihr ein und alles und schätze, dass ich es heute noch bin - auf irgendeine Art und Weise.
Sie lernte jedenfalls auf einer Geburtstagsfeier meinen Vater kennen, der sie auch nach Hause fuhr und irgendwie schien es bei den beiden gefunkt zu haben, denn er blieb bei ihr, selbst als er mich entdeckt hatte. Und obwohl ich ein eher zurückhaltendes Kind war, welches lieber auf Muttis Arm war und bei anderen sofort das Weinen anfing, war das erste was ich tat als ich ihn sah ... lächeln. Für meine Mutter schien das wohl eine ziemliche Erleichterung gewesen zu sein - nicht nur dass ich wohl die richtige Intuition hatte, sondern auch dass es den neuen Typen nicht störte, dass seine neue Freundin schon ein Kind hatte.
Wir sind nach Rheine gezogen und wenn ich mir meine Kindervideos ansehe oder die Geschichten von meinen Eltern höre, dann folgten von da an ein paar wirklich schöne Jahre.
Die einzige Person die unglücklich wurde über die Zeit war meine Mutter, da sie Heimweh hatte.
Wir waren zwar oft in Metelsdorf, aber nicht oft genug. Sie fühlte sich da unten einfach nicht wohl, was wohl auch daran gelegen haben mag, dass sie den ganzen Tag, fünf Jahre lang, mit mir zu Hause war und mein Vater nur am Wochenende kam.
Da er sie nicht unglücklich sehen konnte sind wir schließlich doch wieder hochgezogen, zwar nicht nach Metelsdorf aber ganz in die Nähe.
Meine Mutter fing wieder an zu Arbeiten und ich musste in den Kindergarten.
Mir wurde von einen auf den anderen Tag die 100 prozentige Aufmerksamkeit meiner Mutter entzogen. Und damit nicht genug, sie war einfach zu müde, zu kaputt, zu geschafft von ihrer Arbeit um sich noch mit mir zu beschäftigen. Sie wollte einfach ihre Ruhe.
Ich war kein anstrengendes Kind, im Gegenteil, ich konnte mich prima mit mir selbst beschäftigen. Ich war nie wirklich aufgedreht und nervig, aber trotzdem war ich ihr zuviel. Ich nervte die Frau, die behauptete, dass ich das Beste war, was ihr in ihrem Leben je passieren konnte. Ich verlor einen Teil ihrer Liebe durch die Tatsache, dass wir wieder hier waren und sie wieder arbeitete.
Mein Vater hatte zwar nach dem Umzug einen anderen Job angenommen, einen bei dem er auch in der Woche zu Hause war, aber das half mir auch nicht wirklich weiter, denn ein Vater ist nicht eine Mutter. Von meinem Vater war ich diese 100 prozentige Aufmerksamkeit rund um die Uhr ohnehin nicht gewohnt.
Ich kam mit sechs Jahren in die Schule, ziemlich schüchtern, ziemlich hibbelig im Unterricht, ziemlich verlassen von der Welt.
Klar versuchten meine Eltern mich vom Hort abzuholen, aber manchmal waren sie zu erschöpft und haben es vergessen, doch viel öfter noch (so kam es mir vor) wurde ich von meiner Tante abgeholt und hab die Nachmittage in Metelsdorf verbracht, was wohl auch für mich einer der Gründe ist wieso ausgerechnet dieses Dorf in meinen ganzen Erinnerungen meine einzig wahre Heimat ist, zumindest was die Kindheit anging.
Meine Grundschulzeit war nicht schlecht, ich hatte Freundinnen gefunden und hatte auch Spaß im Hort, aber trotzdem war ich auf mich allein gestellt. Wenn meine Eltern mich abgeholt haben saß ich eben zu Haus in meinem Zimmer alleine rum oder spielte mit den Nachbarskindern.
Irgendwann sind wir wieder umgezogen, nach Bad Kleinen und das war eine wirklich verwirrende Zeit muss ich zugeben.
Ich kam auf's Gymnasium und war immer eher mittelmäßig in der Schule. Meine Eltern waren es nicht gewohnt mit mir Hausaufgaben zu machen, da dass damals die Horterzieherinnen machten, ich hatte meinerseits aber nicht wirklich Lust darauf. Man fühlt sich schon so selbstständig wenn man mit seinen Freundinnen zusammen mit dem Bus nach Hause fahren kann, wenn man sich draußen trifft und heimlich am Waldrand raucht, wenn man über Jungs spricht... aber ich war noch ein Kind.
Andere Eltern kontrollierten die Hausaufgabenhefte und die Hausaufgaben, meine fragten gelegentlich mal nach und ließen sich mit Antworten wie "ich hab keine auf" zufrieden stellen, selbst wenn ich Wochen lang nie welche aufbekam, wobei ich auch oft gesagt habe, dass ich sie schon fertig habe, weil ich wusste dass sie ohnehin nie kontrollierten.
Klar ist es schön, wenn einen die Eltern für selbstständig halten, aber kein Interesse haben bzw. mit sich selbst so sehr beschäftigt zu sein, dass einem die stummen Hilferufe des Kindes nicht auffallen ist irgendwie frustrierend. Es ist auch schön, dass Eltern ihrem Kind glauben, weil sie davon ausgehen dass es ehrlich ist, doch gibt es nunmal Dinge im Leben, darüber kann man noch nicht reden und das macht sich denn gerade in so einem Alter auf eine ganz andere Art und Weise bemerkbar.
Für eine schlechte Note angeschrien zu werden war für mich kein Grund mich hinzusetzen und zu lernen, denn für gute Noten gab es ja auch kein Lob. Wozu sollte ich mir also die Mühe machen?
Ich hab mich schon früh, sehr früh in die Musik gestürzt. Mit neun Jahren hatte ich mein erstes Die Ärzte Album und ich war damals gewiss noch nicht in der Lage zu begreifen wovon die Texte handelten, dennoch fand ich sie passend.
Da wurde von Liebesschmerz gesungen - unwahrscheinlich dass man mit neun Jahren schon mal verliebt war, aber wenn man das Gefühl hat den Eltern egal zu sein tut das wohl viel mehr weh.
Über die Jahre wurde die Musik härter und teilweise trauriger. Zwischenzeitlich hatte ich sogar eine Hassphase. Heute muss ich gestehen finde ich das äußerst lächerlich, aber ich fühlte mich verstanden. Verstanden von ein paar Typen die darüber sangen wie schrecklich scheiße ihre Eltern zu ihnen waren. Typen die darüber sangen wie sie alles hassten und am liebsten alles kaputt schlagen würden.
Es sollte aber noch ein paar Jahre dauern bis ich meine ganz persönliche Band entdeckte, ein paar Jungs die darüber sangen wie verletzt und enttäuscht sie waren, wie einsam und verlassen sie sich fühlten, wie sehr sie sich nach Liebe sehnten ... und nach dem Tod, der aber nur für den Moment eine Erleichterung wäre, denn was gäbe es schlimmeres am sterben als nie wieder das Sonnenlicht zu sehen?
Und genau diese Erkenntnis lässt mich Tag für Tag weiter machen, egal wie schlimm es wird oder werden kann, what ever.
Zunehmend bekam ich Ärger von meinen Eltern, ob es war weil ich zu spät kam wenn mal ich die Zeit vergessen hatte oder weil meine Klamotten dreckig waren (mal im ernst, wer sagt, dass sich Kinder, obwohl sie schon auf's Gymnasium gehen, sich nicht dreckig machen dürfen) - aber meistens bekam ich doch wegen der Schule ärger. Und das war auch schon alles. Es wurde geschimpft und gemeckert wieso ich denn schon wieder eine vier in Mathe hab, aber sich die Zeit genommen und mal mit mir gelernt hat keiner von beiden.
Ich war oft alleine, zu oft. Hatte meine Mutter Frühdienst war sie zwar da, lag aber lieber auf der Couch und sah fern, seit Jahren, seit sie wieder angefangen hatte zu arbeiten... hatte sie Spätdienst sah ich sie gar nicht, höchstens morgens und hatte sie Nachtdienst schlief sie noch wenn ich nach Hause kam, stand auf, sah fern, machte sich irgendwann fertig und fuhr dann zur Arbeit.
Ihre Anwesenheit war wie die eines Geistes. Man merkte zwar dass da etwas ist, aber es sehen oder mit ihm reden konnte man nicht.
Bei meinem Vater war es zwar etwas anders, aber nicht grundlegend, doch hatten wir wenigstens noch Zeit zusammen verbracht und gemeinsame Interessen. Er hat mit mir gepuzzled, Videospiele gespielt oder auch eben auch mal Gesellschaftsspiele.
Ich muss sagen ich kann mich daran erinnern, aber ich kann nicht sagen ob wir das häufig getan haben, oder ob es wirklich nur die Erinnerungen sind, die ich mir von ihm bewahren wollte, als ich noch wusste dass er mich lieb hat.
Ich habe weit aus mehr positive Erinnerungen an meinen "nicht-leiblichen" Vater als an meine leibliche Mutter.
Ich war stolz auf ihn, seit ich denken kann, dabei war er "nur" LKW und später Busfahrer. Aber ich fand das super. Ich kann nicht mal sagen wieso, aber es würde wohl erklären wieso ich LKWs heute noch so klasse finde.
Über den Beruf meiner Mutter hab ich mir nie wirklich Gedanken gemacht, sie war Krankenschwester aber das war es auch schon.
Meine Mutter habe ich als meckernde, gernevte, ihre Ruhe haben wollende Frau in Erinnerung mit dem Standartsatz "Das verstehst Du noch nicht, geh hoch spielen".
Gut mag sein dass man in so jungen Jahren noch nichts von diesem Beruf oder von diesen "Erwachsenen-Themen" versteht, aber ich finde im Gegenzug hätte sie auch Zeit mit mir verbringen können, dann wäre das Wegschicken wahrscheinlich auch nicht so schlimm gewesen.
Doch diese noch recht harmonische Zeit sollte bald ihr jehes Ende finden, denn mal wieder stand ein Umzug an und zwar der nach Metelsdorf.
Hätte man mir damals gesagt was passieren wird kann ich heute nicht mal ehrlich sagen ob ich mich anders entschieden hätte. Ich wollte immer nach Metelsdorf ziehen, ich war jedes Mal so froh, wenn wir meine Oma besuchen gefahren sind und ebenso traurig wenn es wieder zurück nach Bad Kleinen ging, obwohl ich dort Freunde und wirklich eine gute Zeit hatte.
Aber ich im nachhinein schätze ich mal, dass es der Preis war den ich Zahlen musste um in meiner Heimat sein zu können und der Preis für meine Familie - und ich rede hier nicht von meiner Verwandschaft, sondern meinen Freunden.
In Metelsdorf fingen die Probleme erst richtig an.
Ich erfuhr dass mein Vater nicht mein Vater ist. Zugegeben war ich anfangs eher unbeeindruckt, weil es mir egal war und heute noch egal ist, denn für mich war und ist er nunmal mein Vater. Genetik hin oder her, was ändert das denn schon?
Schließlich war er derjenige der mich erzogen hat und der mir meine moralischen Grundzüge gegeben hat.
Doch dass ich mit niemanden darüber reden konnte und auch nie die Chance hatte herauszufinden wo ich denn nun eigentlich her komme belastete mich schon. Jedoch nicht so sehr wie die Tatsache, dass ich merkte, dass er sich zunehmend anders mir gegenüber verhielt - und dabei wollten wir doch nur allen beweisen, dass es nichts ändern würde.
Ich bekam mündliche wie schriftliche Verweise, hab die Schule geschwänzt, weder Hausaufgaben gemacht, noch gelernt und niemand hat es mitbekommen. Erst als das Zeugnis kam sind allen die Augen aus dem Kopf gefallen (inklusive mir). Natürlich wurde ich angeschrien, hab Hausarrest bekommen, wurde von meinem Vater sogar gänzlich ignoriert... aber dass sie auch einen Fehler gemacht hatten wollte keiner wahrhaben und ich hatte damals noch nicht den Abstand dass ganze so zu betrachten wie ich es heute tue, denn ansonsten hätte ich es ihnen sagen können.
Hätte ich damals diesen Abstand gehabt, dann hätte ich es ihnen erklären und sie mir eventuell helfen können.
Stattdessen wurde mir die wenige Liebe die mir noch übrig geblieben war (nämlich die von meinem Vater) gänzlich entzogen und das sollte in deren Augen anscheinend Besserung bringen. Ein ungeliebtes Kind soll urplötzlich aus eigenem Antrieb lernen und sich im Unterricht konzentrieren um sich die Aufmerksamkeit und die Liebe der Eltern zu verdienen.
Dass ich nur noch unglücklicher und frustrierter wurde und mich einfach einsam und verlassen gefühlt habe hatte entweder wirklich niemand mitbekommen oder es wollte keiner sehen. Doch genaus diese Zeit war mein großer, stummer Hilfeschrei.
Die Tatsache, dass ich in der Schule (wenn ich denn mal da war) nur Blödsinn gemacht habe hätte meiner Meinung nach irgendjemanden auffallen müssen - den Lehren, meinen Eltern, irgendjemanden. Aber nein, ich war wieder mal alleine und genau in der Zeit - als es dann endlich rauskam und eine tonnenschwere Last von mir zu fallen schien - änderte sich rein gar nichts, ich wurde nur noch mehr isoliert und auf Abstand gehalten.
Ich war sogar bei einer Psychologin, weil ich so sehr an Schlafstörungen litt dass ich schon Halluzinationen bekam und mich so tot fühlte, dass ich mir die Arme aufschnitt. Doch anstatt über meine psychische Verfassung zu sprechen wurde nur mit meiner Mutter, über ihre Angst vor meinem schulischen Ende und der Schule im allgemeinen gesprochen.
Es dauert noch weit über meinen Auszug hinaus bis ich meine Schlafstörungen in den Griff bekommen habe, ... und alles nur weil diese Frau es nicht ertragen kann, wenn ich jemand anderen meine Aufmerksamkeit schenke.
Und genau das sollte sich noch einige Jahre wiederholen - selbst ein Schulwechsel brachte keine großen Veränderungen oder Besserungen, nur endlich eine Familie für mich und im Endeffekt war es doch der schlechte Einfluss (wie meine Eltern so schön sagen) der uns geholfen hat wieder miteinander zu reden. Während der Suche nach mir selbst, dem Drang nach Aufmerksamkeit und der Sehnsucht nach Zuwendung kam ich zu einer Gruppe von Leuten die wahrscheinlich auch so das ein oder andere erlebt haben, aber einfach von der Gesellschaft als asozial gehandelt werden. Jedenfalls hatte mich einer von diesen Menschen an die Hand genommen und ist mit mir zum Jugendamt gegangen.
Viele Menschen werden sich jetzt an den Kopf fassen und mich für eine dumme Göre halten - erst zur Pschologin und jetzt noch Jugendamt - besonders wenn ich Ihnen jetzt noch nahe lege, dass ich eigentlich recht verwöhnt war was materielle Sachen anging - doch das alles wollte ich doch gar nicht, ich wollte immer nur die Liebe und Aufmerksamkeit meiner Eltern.
Worauf ich hinaus wollte: Ich war beim Jugendamt, die natürlich sofort meine Eltern anriefen und dann war erstmal die Hölle los. Nicht nur dass meine Eltern enttäuscht und wütend waren, nein es mischten sich natürlich auch noch alle anderen ein, meine Oma, meine Tanten, meine Cousinen... einfach jeder musste seinen Senf dazu geben, sagen wie arm dran doch meine Mutter ist und alle fragten mich ernsthaft WIESO ich so einen BLÖDSINN mache.
Es lief jedenfalls darauf hinaus dass wir eine Sozialarbeiterin bekamen, die sich die sich in mein Zimmer gesetzt hat und darauf gewartet hat bis ich ihr erzähl was los ist. Ich wollte zwar Hilfe, aber anfangs war ich wirklich skeptisch was das anging. Erwachsenen konnte man nicht vertrauen, Erwachsenen konnte man nichts erzählen - doch dieser Frau schon. Es schien nicht mal ihr Job zu sein, es war ihre Berufung. Sie war die zweite Person die mir half weiter zumachen.
Sie kam zwei bis dreimal die Woche, meistens Nachmittags. Ich muss sagen, dass ich teilweise sehr genervt war, denn nicht nur, dass meine Cousinen ständig kamen um mit mir zu lernen, dann war ja eben noch diese Sozialarbeiterin da, die mir meine kostbare Freizeit stahl. Auch hier war es wieder der Preis den ich zahlen musste um den ersten Schritt in Richtung Familie zu machen.
Sie blieb fast ein Jahr bei uns, ein Jahr voller wöchentlicher Gespräche. Meistens alleine mit mir, ferner allein mit meiner Mutter und ab und zu zu dritt.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag waren wir mit der Hilfe durch und waren in der Lage wieder einigermaßen miteinander zureden.
Was ich niemanden erzählt habe war, dass ich in dieser Zeit ein wirkliches Wrack war. Ich habe mit 13 Jahren angefangen zu rauchen und schon mit 14 angefangen zu trinken - nicht so extrem wie sich das anhört, aber oft saß ich mit einigen Kindern aus dem Dorf unten im Club und wir tranken oder ich traf mich mit meiner damaligen Freundin und ein paar anderen Leuten und wir saßen von Mittags an auf der Koppel, betranken uns, warteten bis wir nüchtern waren und gingen wieder nach Hause.
Ich probierte mir anderen Leuten einige Drogen aus, von Gras über Peppen bis hin zu MDMA.
Das meiste machte ich aber nur einmal und nie wieder,... beim Kiffen blieb ich, von Zeit zu Zeit musste das einfach sein um mich runter zu bringen, mich ruhig zu machen.
Ich plünderte den Medizinschrank im Bad und nahm mir immer heimlich irgendwelche Tropfen oder Tabletten, meistens die mit den stärksten Nebenwirkungen, Schmerzmittel oder die, die einen schlafen ließen.
Da ich leider jeden morgen auf's neue aufgewacht bin musste ich mich in der Schule mit Koffeeintabletten wachhalten, ein elendiger Teufelskreis und doch hatte das alles ein Ende, von alleine. Und ich kann wirklich ehrlich sagen, dass dieser Missbrauch der Suchtmittel keinerlei Einfluss auf meine schulischen Leistungen hatte, das hatte alles nur ein und denselben Grund.
Worauf ich aber hinaus wollte war, dass es nicht wirklich besser wurde, ich hatte zwar das Gefühl dass ich meinen Eltern alles sagen konnte aber dennoch wusste ich über ihre Rektionen bescheid. Selbst als ich 18 war hatte ich noch strickte Zeiten wann ich zu Hause zu sein hatte. Sie fanden sich einfach nicht damit ab, dass ich mittlerweile alt genug war um auch mal was alleine hinzubekommen.
Das Jahr verging schnell und viel war passiert und wieder mal zeigte keiner der beiden auch nur jegliches Interesse. Die wenigen Fragen die kamen waren routiniert oder zu Kontrollzwecken, aber nichts wies darauf hin, dass ich mit allem was ich habe, was mich beschäftigt oder bedrückt zu ihnen kommen könnte.
In dem Jahr folgte mein erster richtiger Liebeskummer, wenige Monate vor meinem 19. Geburtstag. Ich ging Wochen lang nicht zur Schule und wieder hat es niemand mitbekommen. Ich beschloss für mich mein Abitur doch nicht zu machen und hab mich von der Schule abgemeldet. Im Endeffekt war eine damalige Freundin die mich wieder halbwegs auf die Beine brachte.
An meinem 19. Geburtstag hab ich meine erste Wohnung besichtigt. Bis dahin war der Tag schön, aber es war wieder einmal ein Geburtstag an dem mein Vater kein sterbens Wörtchen mit mir gesprochen hat. Das konnte er gut, mich mit Schweigen strafen. Mag sein dass ich in seinen Augen viel vergeigt hab, aber dennoch waren meine Schuleskapaden oder mein jugendlicher Leichtsinn was zum Beispiel Alkohol anging für ihn gewiss niemals so schmerzhaft wie die Zeiten in denen er mich ignoriert hat es für mich waren.
Einen Monat nach meinem Geburtstag bin ich ausgezogen, nach Rostock.
Früher hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als für immer in Metelsdorf zu wohnen. Es war mein persönliches Paradis, meine Heimat, mein zu Hause. Doch je älter ich wurde, je mehr ich begriff was um mich rum geschah, desto beklemmender wurde dieser Ort und alles was ich versuchte wurde boykottiert. Die Chance glücklich zu werden und eine unbeschwerte Kindheit zu haben wurde mir genommen. Man kann ein Kind nicht wie einen erwachsenen behandeln, selbst dann nicht, wenn das Kind sich selbst schon so fühlt, weil es dazu gemacht wurde.
Das Jahr, welches ich in Rostock wohnte war wirklich hart.. anfangs war ich euphorisch und übermütig, aber schnell habe ich gemerktwie schwer es ist einsam zu sein.
Ich hatte nicht nur meine Eltern aufgegeben, sondern gleichzeig meine Freunde und meine Zukunft.
Im Endeffekt war ich so unglücklich, dass ich mich dazu entschloss wieder zurück zu kommen, aber nicht zu meinen Eltern, nicht in dieses gottverdammte Dorf.
Doch blieb mir für einen Monat nichts anderes übrig, da ich damals eine Ausbildung in Schwerin bekommen hatte.
In der Zeit war es eigentlich entspannt, relativ. Das Verhältnis zu meinen Eltern besserte sich, dass zu der Ausbildung nicht.
Dreimal könnt ihr raten was ich getan habe: Das Handtuch geworfen. Seit dem suche ich eine neue Ausbildung, doch ziemlich erfolglos.
Mein 21. Geburtstag steht bevor, eben so wie mein nächster Umzug.
Das Verhältnis zu meinen Eltern ist relativ. Wenn ich sehe was sie mir angetan haben und was ich meiner Mutter angetan habe muss ich mich ernsthaft fragen ob es das alles wert war.
Ich bin stolz die Person zu sein, die ich geworden bin. Ich bin stolz, dass ich stark und tough bin, dass ich meine Hoffnungen und Träume nicht verloren habe, bin stolz dass ich an Erfahrung und Einsicht gewonnen habe ... all' das wäre niemals möglich gewesen wenn ich nicht so viele Jahre hätte leiden müssen.
Ich habe mich aus einem Käfig befreit den ich mein Leben lang für meinen Rückzugsort hielt.
Der Weg hier her war schwer und bitte fragt mich niemals wie viel Blut und noch mehr Tränen ich vergossen hab um hier anzukommen.
Fragt bitte nicht wie oft ich mich betrunken habe um mich nicht erinnern zu müssen oder wie oft ich meiner Mutter Tabletten geklaut habe in der Hoffnung am nächsten Morgen nicht aufwachen zu müssen.
Das hier aufzuschreiben war mit das schwerste in meinem Leben was ich jemal tun musste.
Ich möchte nicht missverstanden werden, ich liebe meine Eltern und habe das auch immer getan und ich habe das alles bestimmt nicht aus Berechnung getan. Ich habe nur versucht zu überleben und erwachsen zu werden. Dafür brauchte ich meine ganz eigene Version.
Alles was mir über die Jahre geholfen hatte, neben den Menschen die kamen und gingen, neben den Versuchen meinen seelischen Schmerz zu betäuben oder mir die Arme aufzuritzen um überhaupt noch irgendwas zu fühlen ... waren es anfangs meine Tagebücher und später mein Blog der für mich wie ein Ventil war. Die Sachen aufzuschreiben die ich fühl(t)e ist wirklich ein großer Schritt für einen Menschen wie mich, der nicht wirklich gerne darüber redet was in ihm vorgeht.
Doch heute kann ich endlich auf die Hilfe meiner Eltern bauen. Nicht dass sie mich nie finanziell oder materiell unterstützt hätten, ... das taten sie schon als ich noch klein war - nein es geht mir darum, dass ich heute weiß, dass ich zu ihnen gehen könnte um mich aus zu weinen. Das ist ein beruhigendes Gefühl. Ich weiß nicht wie lange es noch dauert bis der Tag kommt an dem ich mich an der Schulter meiner Mutter ausweine, aber ich bin mir heute sicher, dass es diesen Tag geben wird.
Wahrscheinlich werdet ihr euch fragen wann der Wendepunkt in meiner Erzählung kam, wann genau der Zeitpunkt war an dem ich anfing zu glauben, dass meine Eltern und ich doch eine Chance hätten. Tja, da muss ich euch leider enttäuschen, weil ich selbst nicht genau weiß wann das war. Ich gehe einfach davon aus, dass mir die zwei Jahre die ich nicht mehr zu Hause wohne einfach gut getan haben. Den Abstand brauchten wir und mittlerweile kehrt von Monat zu Monat mehr Ruhe ein.
Ich weiß dass es noch lange braucht bis wir wieder 100 prozentig ineinander vertrauen können, aber ich zweifel nicht daran, dass das nie geschieht.
Nun muss ich nur noch meinen Anfang zu Ende bringen. Warum sich mein Körper und meine Psyche anfühlen wie ein einziges Schlachtfeld.
Nun ja,... wenn ihr mal genauer darüber nachdenkt waren es für mich 14 Jahre in denen ich gelitten habe. Und 14 Jahre werden nicht einfach mal in so kurzer Zeit - in einer Zeit von 2 Jahren davon gespühlt. Heute habe ich zum ersten Mal die Kraft gefunden und versucht mich an jede Kleinigkeit zuerinnern und selbst beim Schreiben musste ich weinen, weil es so sehr weh tat sich daran zu erinnern was ich damals gefühlt habe.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen